Ist sie interessiert, gerührt oder verführt?

FÜR DEN PRAKTISCHEN UMGANG MIT KUNST

YANN & BEATRIX

von Lou

Wenn sich unmittelbar nach einer Theatervorstellung ein handfester Streit zwischen zwei Zuschauern auf die Greifswalder Gässchen entlädt, darf das getrost als Pluspunkt für ein Stück gewertet werden. Da ich justamente einer der tollwütigen Schaumschläger gewesen bin, möchte ich in diesem Beitrag meiner seltsamen Aufgeregtheit nachforschen. (Achtung, Spoiler! Das ist keine Rezension.)

Beatrix hat eine Anzeige aufgegeben. Darin steht, sie suche einen Mann, der in der Lage ist, sie zu interessieren, zu rühren und zu verführen. Darauf sei eine hohe Belohnung ausgesetzt. Sinnigerweise wohnt sie im obersten Stock eines 33-stöckigen Hochhauses.
Yann ist einer der tapferen Treppensteiger und will sein Glück versuchen. Weshalb? Er ist Prämienjäger. Also jemand, der entlaufene Katzen zu ihren Haltern zurückbringt, und alten faltigen Damen hilft, ihre Ohrringe wiederzufinden. Schlicht jemand, der für eine Belohnung alles Mögliche tut. Und davon lebt. Davon lebt?

Sofort war ich romantisiert! Ob man sich davon wirklich finanzieren könnte? Für die nächsten zwei Wochen lief ich hypersensibilisiert durch die Innenstadt und scannte jeden Laternenmast. Es ist erstaunlich, wofür Leute Geld anbieten! Angemessenen Finderlohn für entlaufene Kuscheltiere und Prothesen. Das nötige Kleingeld zur Teilnahme an psychologischen Studien. Und großzügig bemessene Abfindungen für abenteuerliche Friseurprüfungen inklusive Kunstnägel. Ein armer Student bat in einer Notiz am einheimischen Discounter um 50€, da er sein Portemonnaie verloren hatte. Er war bereit, das Geld mit einem Zinssatz von 20% zurückzuzahlen, sobald er wieder über neues verfüge. In diesem Fall hätte man sich einen Zehner fürs Nichtstun verdienen können! Und gleichzeitig sein Karma aufgefrischt! Aber es gab auch Suchanzeigen von alleinerziehenden Müttern, die nach Weihnachtsmännern Ausschau hielten.

Entlaufenes Kuscheltier

Entlaufenes Kuscheltier

So verriet mir ein Freund, gut getimed bekäme man mit einem Familienstaffellauf am 24. Dezember seine 300 Euro zusammen. Großartig! Nur leider nichts für mich. Verdammter Weihnachtsmann-Sexismus. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit Haustiere wegzufangen, um sie dann dem verzweifelten Besitzer großzügig gegen die Belohnung zurückzugeben, aber das verstößt doch sehr gegen den Tagelöhnerethos… Ach! Ich sehe mich vagabundierend durch die Lande ziehen. Netten Rentnern die Tüten tragen für einen Kuchen oder einen Kaffee. Auf Marktplätzen lümmelnd, die Hände in den Taschen. Pfeifend. Aber immer auf dem Sprung, tatkräftig zupacken zu können. Auf’s Beste bekannt mit dem Redakteur des Anzeigenkuriers, der mir dann und wann einen heißen Tipp gibt. Hie ein bisschen Laub gefegt, dort ein bisschen Gassi gegangen. Immer ein munt’res Lied auf den Lippen…

Man sollte dieses Lebenskonzept ausprobieren. Wenigstens eine Woche lang!

 

Die (An)Zeichen der Liebe

Zurück zu Yann und Beatrix! Es stellt sich heraus, dass mit den drei Forderungen, Beatrix zu interessieren, zu rühren und zu verführen, drei Prüfungen/Aufgaben gemeint sind, die Yann lösen muss. Beatrix hat gehört, wenn man einen Mann liebt, dann wäre man interessiert, gerührt und verführt.
Nicht die schlechteste Definition. Erklärt sie nicht mindestens die Klischee-Standardmodelle des typischen Frauenhelden? Da ist der Geheimnisvolle, der Abenteurer, dort der Verletzliche und Empfindsame, zuletzt der Draufgänger und Charmeur. Ich muss an diese typischen Highschoolszenen in Hollywoodfilmen denken, in denen der gewiefte Casanova dem unbedarften Mädchen irgendwas von seiner schweren Kindheit erzählt, dem Krebs des Großvaters oder von seinem verstorbenen Hund, der ihn damals aus dem Eissee gezogen hat… Und ich muss an die Tests in Mädchenzeitschriften denken: “Ist er der Richtige” und “Bin ich verliebt?” – wenn alle drei Kriterien mit Ja beantwortet werden können, ist man zumindest schon nahe dran, oder?

Der Liebe-Schnelltest

 

Liebe. Natürlich denke ich nicht an all den Unsinn vor diesem Satz (das Hirn ist ein Assoziationsminenfeld), sondern ich denke an meine eigene Liebe und wann ich sie glaubhaft empfinde. Liebe im Konditionalsatz. Nun wird sich der mancher Leser fragen: wozu muss das Magnetfeld Liebe überhaupt abgesteckt und definiert werden? Wenn ich jemanden liebe, dann weiß ich das doch? Ganz simpel. Man könnte es also ganz leger halten: eine Frage ist gelöst, wenn ich sie nicht mehr zu stellen brauche -

Aber wird Liebe nicht irgendwo als emotionales Wertgut gehandelt? Wenn nicht sogar als das höchste? Vielleicht hat es im Ranking der erstrebenswerten Ziele sogar das altbackene Glück von Platz eins verdrängt. Dann muss es sich doch um einen außergewöhnlichen, besonderen Zustand handeln? Das erklärt, warum Beatrice, längst kein Teenager mehr, nach einigen Männern in ihrem Leben immer noch glaubt, die Liebe nicht erlebt zu haben. Die Frage ist: hat sie ein völlig überhöhtes emotionales Konzept davon oder nicht? Oder will sie sich mit dem Empfundenen nicht zufrieden geben? Was sie in ihren Bemühungen antreibt, ist der Glaube an etwas, das sie nur von Hörensagen kennt. Ich weiß, was sie will. Sie will eindeutige Zeichen. Sie will genau die Symptome haben, die der Liebe nachgesagt werden. Sie will Gewissheit.

Ich sitze im Publikum und es tut mir weh. Beatrix tut mir weh. Mit ihrem schrecklichen Idealismus. Da ist diese furchtbare Ahnung.

Oft erinnert mich die ganze Liebesthematik vom Tenor her an das Theodizeeproblem. Manch einer wird sich noch des Religionsunterrichts entsinnen. Es hieß dort, Gott wurden drei Eigenschaften zugesprochen: allmächtig, allwissend und allgütig zu sein. Wie aber lässt sich unter dieser Prämisse, dass alle Eigenschaften zutreffen, “das Leid” in der Welt erklären? Es ließe sich z.B. gut erklären, wenn wir eine der Eigenschaften wegkürzen. Als Beispiel: das Leid ist erklärt, wenn Gott allmächtig ist und allwissend, aber eben nicht allgütig. Und wie ist es nun mit Liebe? Wird ihr in unserer Vorstellung nicht auch vieles angedichtet, beispielsweise, dass sie monopersonal ist und untrennbar mit Sexualität verbunden? Wie ist Betrug vor diesem Hintergrund zu erklären? Entweder ist Liebe seltener als gedacht oder aber: 1 Mio. Fremdgeher können nicht irren. Das Problem ist doch: unsere Vorstellung von Liebe hat verdammte Lebenswirklichkeitsrelevanz. Für uns selbst, noch mehr für unsere Mitmenschen. Das lässt sich nicht wegromantisieren.  Wir brauchen sie. Wenigstens als Postulat.

reach out and touch faith – das Autosuggestionspotential einer Geste 

Beatrix erkennt, dass Interessiert-, Gerührt- und Verführtsein noch nicht ausreicht für das, was sie Liebe nennt. (Wie Yann die Aufgaben löst, müsst ihr selbst herausfinden!) Aber da sie nicht aufgeben will, kommt sie auf folgenden Gedanken:

4wenn man sich liebt, dann bedenkt man sich doch gegenseitig mit bestimmten, liebevollen Gesten – vielleicht tritt ja die Liebe wie von selbst hinzu, wenn man manche Geste einfach so ausführt, quasi Liebe als Begleiterscheinung? So befühlt Beatrix Yann die Stirn, ob er vielleicht fiebert. Frauen, die lieben, machen das doch so? Der Leser wird hier den Kopf schütteln. Absurd! Hier wird ja Ursache und Wirkung verwechselt! Eine Geste kann ja nicht transportieren, was nicht “da” ist!

Verhängt diese Szenerie etwa ein zynisches Urteil über Paare, die Dinge tun, weil sie gelernt haben, dass es Liebe bedeutet? Der Kuss ist eine Geste. Streicheln ist eine Geste. Schlucken ist auch eine. Natürlich sind Gesten Zeichen. Warum wohl sonst fragt Kurt, 25, aus Braunschweig dann so verzweifelt im Internetforum xy, ob seine Freundin ihn überhaupt liebt, wenn sie sein bestes Stück nicht in den Mund nehmen will. Pars pro toto… Das Liebesleben wird von Zeichen bevölkert. Das macht es so anstrengend.
Trotzdem, über die Zeichenfunktion hinaus ist diese Geste eine Berührung. Kann man sich gegen eine Berührung immunisieren? Nein. Egal, ob sie als unangenehm oder als angenehm empfunden wird: sie stellt Intimität her. Nähe zeugt Nähe.

 

Erkenne Verzaubere Dich selbst!

Studien haben wohl ergeben, dass der Körper selbst bei einem falschen Lächeln, dem bloßen Heben der Mundwinkel, eine messbare Dosis an Endorphinen ausschüttet. Der Effekt verstärkt sich, wenn man lacht. Es gibt Lachflashmobs, die mit einem falschen Lachen beginnen und in ein echtes, befreiendes münden. Ähnlich wird es sich bei gespielter Wut verhalten. Irgendwann ist sie da: die echte Raserei. Früher wurde mir erzählt, ein Schauspieler erinnere sich einfach an ein trauriges Ereignis, um auf der Bühne Weinen zu können, aber ich ahne: es ist genau andersherum. Erst ist da die Handlung, und sie katalysiert das Gefühl.

Plötzlich taucht Yann seinen Kopf in einem Glasbehälter unter Wasser. Und zieht ihn nicht mehr raus. Hält die Luft an. Zehn Sekunden. Fünfzehn. Zwanzig? Er geht Beatrix an die Gurgel, wirbelt sie herum, stößt sie von sich, schreit sie an, dringt mit Fingern in ihren Mund ein.

“Sind die beiden eigentlich zusammen?”, flüstert meine Nachbarin. Ich denke eigentlich nicht, nein. Aber so naiv die Frage klingt, sie kommt nicht von ungefähr. Die Erotik, die sich zwischen Yann und Beatrix entwickelt, ist greifbar. Wie intensiv muss es sich erst für die Schauspieler anfühlen. Die Nähe zum Anderen. Die Aufregung. Die Spannung. Die Konzentration. Und plötzlich werde ich blass vor Neid. Hier wird in knapp zwei Stunden so viel durchfühlt, wie ich vielleicht in einer ganzen Woche zusammenbekomme. Da ist sie: die Intensität, von der immer geschwärmt wird. Ich sehe es ihnen an.

Wer Schauspieler ist, hat sein Leben nicht verfehlt. Dramatisiere Deinen Alltag!
Ich könnte heulen. Aber ich streite mich lieber auf der Straße!
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Yann & Beatrix
Ein Schauspiel von Carole Fréchette
Mit Jan Holten und Katja Klemt
Eine Produktion von StuThe
Hoffentlich bald wieder zu sehen…